Merhaba Stuttgart

Eine Ausstellung die bewegt. Geschichte, die für uns immernoch erfahrbar ist.

50 Jahre sind nun vergangen, seitdem die ersten Gastarbeiter aus der Türke ihren Fuß in die Baden-Württembergische Landeshauptstadt Stuttgart setzten. Sie sind eingeladen worden und gekommen um dem deutschen Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre tatkräftig unter die Arme zu greifen. Grundlage dieser Einwanderungswelle war das Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommen von 1961, was nach dem Italienischen von 1955, dem Spanischen und dem Griechischen von 1960 das vierte Abkommen sein sollte. Später folgten noch vier weitere mit Marokko 1963, Portugal 1964, Tunesien 1965 und Jugoslawien 1968.

Merhaba Stuttgart: An diesem griechischen Stand kauften die ersten Türkischen Gastarbeiter früher gerne ein. Es waren die besten Kunden. So erhielten sie ein paar vertraute Produkte. Der Ruf des Standes ging über die Stuttgarter Stadtgrenzen hinaus.

Was war der Grund dafür?

Grob gesagt, fehlte es Deutschland an Arbeitskräften, um der boomenden Wirtschaft Herr zu werden. Im Gegensatz dazu half das Abkommen der Türkei ihre Handelsbilanz gegenüber Deutschland aufzubessern. Dabei erhoffte man sich auch, dass die Gastarbeiter nach ihrer Rückkehr aus Deutschland das benötigte technische Know-How mitbrächten, um der türkischen Industrie auf die Sprünge zu helfen. Es sollte also ein Geben und Nehmen sein und für jedes Land den entsprechenden Nutzen mit sich bringen.

So sah die Theorie aus, aber wie war das für die Menschen, die es betraf? Wie haben sie ihren Start in Allemania erfahren und wie haben sie ihr Leben über die Jahre hinweg hier geführt? Mit ihren Lebensgeschichten beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum, die in Kooperation mit dem Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart und dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart entstanden ist und durch die Robert Bosch Stiftung gefördert wurde.

Genauer gesagt geht es hier um die Stuttgarter Türken! – Was aber nicht bedeuten kann, dass der ein oder andere Nicht-Stuttgarter Türke oder vielleicht auch nur Nicht-Türke sich darin auch wiedererkennen könnte.

Wie war das für die ersten Gastarbeiter in ein fremdes Land zu kommen? Fern ihrer Heimat, fern ihrer Familie und vor allem ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Lediglich mit der Hoffnung nach einem besseren Leben im Herzen und einer Einladungsbestätigung in der Hand. Was brachten sie mit, was vermissten sie hier? Man muss bedenken, dass es früher noch keine Türkischen Läden gab.

Griechischer Stand in der Markthalle in Stuttgart mit Personen

(Das „Pappas“ ist ein griechischer Feinkoststand in der Markthalle in Stuttgart und für viele Türken eine Anlaufstelle, wo sie bekanntes kaufen konnten, noch bevor es die ersten Türkischen Läden gab. „Türken waren unsere besten Kunden“ und so ging der Ruf dieses Standes über die Stadtgrenzen Stuttgarts hinaus. )

Wie haben die Deutschen auf die fremden Gastarbeiter reagiert? Für viele war der Start sehr schwer, aber trotz allem gab es auch positive Erfahrungen, die das Zusammenleben zwischen Türken und Deutschen bereicherten.

So beispielsweise auch die rührende Geschichte vom Simit und der Brezel, was zum Symbol für die Ausstellung wurde. Es ist eine Geschichte vom Zusammenschluss zweier Kulturen, die sich mit viel Mühe arrangieren mussten und lernen mussten miteinander auszukommen, um sich schließlich auch zu verstehen.

Halber Simit und halbe Brezel

In dieser Geschichte geht es darum, wie ein Gastarbeiter der ersten Generation zum Abschied in seiner Heimat von seiner Familie Simits (typisch Türkisches Gebäck) als Wegzehrung für die Reise erhielt. In Deutschland angekommen war er an seinem neuen Arbeitsplatz auf der Suche nach seiner Bleibe. Dort fand er außer dem Hausmeister, der selbstverständlich kein Türkisch konnte, niemanden vor. So kam es zu einer missverständlichen Verständigung mit Händen und Füßen. Letztendlich dachte der Hausmeister, der fremde Arbeiter habe Hunger und brachte ihm typisch Süddeutsche Brezeln. Der Gastarbeiter jedoch wollte lediglich wissen, wo sein zukünftiges Quartier ist. Somit war das letzte was er in der Türkei erhielt Simits und das erste, was er in Deutschland erhielt, Brezeln.

Begonnen hat alles mit einem Schulprojekt zweier Stuttgarter Klassen, einer 12ten Klasse des Werksgymnasiums West und einer 7ten Klasse der Schillerschule. Beide Klassen führten Interviews innerhalb ihrer Famlien und in ihrem allgemeinen Umfeld. Jeder Schüler, egal welcher Nationalität, sollte mit dem Thema in Berührung kommen. Es war zunächst nicht leicht für die Schüler Zugang zu den Interviewten zu finden und die richtigen Fragen zu stellen. Für einige Schüler war es eine Überwindung, so weit in die Privatsphäre Fremder einzudringen. Für manch anderen Schüler war es sogar überraschend, durch dieses Projekt mehr über seine eigene Familiengeschichte erfahren zu haben. Am Ende sind jedoch über 100 Gespräche entstanden und viele Lebensgeschichten kamen dabei ans Licht.

Aus diesen über 100 Einzelschicksalen kristalisierten sich Hauptthemen heraus, welche die Grundlage der Ausstellung bilden. So gliedert sich die Ausstellung nun in verschiedene Bereiche auf – das Ankommen, das Einrichten, das Arbeiten, die Familie und Freizeit, die Religion und das Leben allgemein. Umrahmt werden diese Themen von ein paar wenigen Einzelschicksalen, die exemplarisch für das Ganze beleuchtet werden. Die Ausstellung begreift sich jedoch mitnichten als abgeschlossen. Der Anspruch auf Vollendung und gänzlicher Behandlung des Themas kann nicht gegeben sein, da das Thema viel zu komplex ist. Daher haben sich die Kuratoren der Ausstellung überlegt, den Besucher mit seiner eigenen Geschichte einzubeziehen. In dem Multimediabereich wird man aufgefordert eigenen Kommentare oder seine eigene Geschichte in Ergänzung der Ausstellung beizusteuern.

Die Türken der ersten Generation kamen auf Einladung um hier zu arbeiten und wenige hatten vor hier zu bleiben, aber die Realität sah anders aus. Nun leben manche Familien bereits in der vierten Generation hier und gehen häufig die Gradwanderung zwischen Heimatgefühl zur Türkei und Heimatgefühl zu Deutschland. Was aber wahrscheinlich alle vereint ist die Tatsache, dass eine Auswanderung jeden Menschen verändert und prägt und letztendlich auch seine Umgebung verändert und prägt.

Die Ausstellung bewegt nicht nur weil es so viele unter uns unmittelbar betrifft, sondern auch, weil sie aufkärt und beleuchtet, was oft niemals ausgesprochen wurde.

(Alle Bilder sind von der Webseite des Linden-Museums entnommen. Vielen Dank!)



  • Geschrieben am 15.Juni 2011,
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