An die Nadeln, fertig, los!

Beanies, Pullover, Handschuhe – in Deutschland wird wieder gestrickt. Pünktlich zur kalten Jahreszeit werden hierzulande wieder die Stricknadeln rausgeholt und – zwei links, eine fallen lassen – Schals, Mützen und Co. von Hand geklöppelt. Oder eben gestrickt. Längst sind es aber nicht mehr die Omas, die am Abend, pünktlich zur Tagesschau, ihren Strickkorb Plündern, sondern junge, hippe Großstädter, die in der U-Bahn plötzlich Wolle und Nadeln hervorholen und zwischen Zeitung lesenden Mitfahrern am grobmaschigen, warmen Schal für den Freund stricken. Klar kann man klassische Strickpullis wie diese hier auch kaufen, aber so ein selbstgestrickter Pullover ist schon etwas Besonderes. Preislich liegt die reine Wolle günstiger als viele Pullover, jedoch kostet das Selberstricken nicht nur Zeit, es erfordert auch etwas Geschick im Umgang mit Nadeln und Wolle. Positiver Nebeneffekt: meisten entspannen sich durch stricken. Etwas produzieren, ohne dabei zu arbeiten, hat etwas fast schon meditatives.

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Guerilla-Knitting im öffentlichen Raum

Der Stricktrend beschert Handarbeitsläden mit so lustigen Namen wie Nadelwald Hochkonjunktur und grandiose Umsatzzahlen. Wollknäuel verkaufen sich quasi im Minutentakt. Aber damit noch nicht genug. Es gibt inzwischen in den meisten Großstädten in eben diesen Läden Workshops, die Kindern und Erwachsenen die Handarbeit näher bringen und die unterschiedlichen Techniken erklären. Ob Loop-Schals, Beanies /die omnipräsenten Schlabbermützen) oder Socken, es gibt nichts, was sich nicht auch von Hand stricken lässt. Aber nicht immer nur geht es darum, nützliches zu stricken. Guerilla-Knitting ist da so eine scheinbar nutzlose Nebenform des klassischen Strickens und Teil der urbanen Street Art. Der Sinn dahinter: die Verschönerung der Städte. Gerade in den Grauen Herbst- und Wintertagen, an denen es länger dunkel als hell ist, erblickt man bunt-umstrickte Laternenmasten, Poller, Bäume und Geländer. Zuhause im stillen Kämmerlein stricken die in der Mehrzahl weiblichen Wollknäuel-Aktivisten die Verzierung für den öffentlichen Raum. Im Schutz der Dunkelheit wird Laterne und Konsorten anschließend die zweite Haut umgelegt und festgenäht. Müssten sie aber nicht, denn das Verschönern diverser Dinge wie Telefonzelle, Fahrradständer und Treppengeländer ist absolut legal.

Machs dir selbst, aber nicht allein

Handarbeit und Stricken sind dabei zum gesellschaftlichen Event geworden. Nicht nur in Workshops trifft sich die Do-It-Yourself-Bohème, es werden sogar Firmenpartys in Stricklokalen gegeben und Freundinnen treffen sich zum gemeinsamen Stricken inklusive Klönschnack in Cafés und Bars. Auch wenn der Anblick im ersten Moment noch irritiert, wirklich überraschend ist er nicht mehr. Stricken hat nichts mehr mit Oma und der grünen Ökobewegung der 80er Jahre gemein, sondern ist längst im Lifestyle der Großstadt angekommen. In Zeiten, in denen man den Großteil seiner Zeit in der digitalen Welt verbringt und seine Finger eigentlich nur noch zum tippen auf der Tastatur verwendet, gewinnt das Handgemachte wieder an Bedeutung.  Das selbstgemachte Unikat wird begehrter und wertvoller, ob für sich selbst oder für andere.

Stricken oder Stricken lassen?

Das erklärt übrigens auch, warum DIY-Marktplätze wie Dawanda und Etsy so populär sind. Da kaufen dann die Leute handgestrickte Schals, denen es an Geduld und motorischer Finesse fehlt, um selbst etwas Ansehnliches aus Wolle zu kreieren. Aber keine Panik, da geht es vielen so. DIY soll schließlich Spaß machen. Wer lieber schreinert als strickt, oder aber lieber ein gutes Buch liest anstatt wundersame Dinge aus Schafwolle zu schaffen, ist deshalb noch lange nicht weniger modern. Und mal ganz ehrlich, nur weil etwas selbst gemacht ist, ist es noch lange nicht besser.  Windschiefe Schals und viel zu weite Mützen sind da nur ein Paar Nebenprodukte. Und nicht alle von uns sind die geborenen Selbermacher. Manchmal muss es dann eben doch der gekaufte Strickpulli sein.

Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/ohallmann/

 



  • Geschrieben am 21.November 2013,
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